„Die 10 Irrtümer der Globalisierungsgegner“
(in
English)
Zusammenfassung von
10 Kapiteln eines im September 2003 in Deutschland bei Eichborn erschienenen
Buches der Wirtschaftsjournalisten Martin Balser und Michael Bauchmüller
Irrtum Nr. 1: Mächtige internationale Konzerne regieren die Welt
Unternehmen zählen zu den mächtigsten politischen Kräften unserer Zeit, warnt
Naomi Klein. Und der Sozialwissenschaftler Jean Ziegler sieht die Globalisierung
als den täglichen Terror des Kapitalismus. Doch Globalisierungsgegener irren,
wenn sie ihre Lieblingsfeinde , die multinationalen Unternehmen, zur
uneingeschränkten Machtinstanz über Politik und Verbraucher stilisieren. Denn
die Globalisierung steht nicht nur für Rationalisierung und Privatisierung,
sondern auch für einen Wettbewerb auf größeren Märkten, auf denen Konzerne
größer und schwächer zugleich werden.
Der Einfluss grosser Konzerne wird häufig masslos unterschätzt. Naomi Kleins oft
zitierte Aussage, dass unter den grössten 100 Wirtschaftseinheiten der Welt
bereits 51 Konzerne rangieren, muss als Irrtum entlarvt werden. Denn sie
vergleicht den Unternehmensumsatz mit dem Bruttoinlandsprodukt von Staaten.
Anders als beim BIP, welches die Wertschöpfung eines Staates angibt, bleiben bei
dem Umsatz die Kosten - etwa für den Einkauf von Waren - unberücksichtigt. Die
Bedeutung der 50 grössten Konzerne, also deren Anteil am
Weltbruttoinlandsprodukt, nahm nach UN-Angaben im vergangenen Jahrzehnt von 3%
auf 2,8% ab.
Globalisierungsgegner fürchten, dass im internationalen Standortwettbewerb
Konzerne Staaten im Kampf um die besten Rahmenbedingungen gegeneinander
ausspielen können. Das Argument jedoch, dass im internationalen
Standortwettbewerb Steuern immer weiter gesenkt werden, wird durch die Tatsache
widerlegt, dass die Fiskalquote in den OECD-Ländern in den letzten 25 Jahren von
30,5% auf 37,4% gestiegen ist. In der Praxis zeigt sich, dass multinationale
Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Steigerung des Lebensstandards im
Gastland leisten.
Konzerne sind mit ihren Heimatländern oft viel stärker verbunden, als sie oft
zugeben wollen, schon weil sie verlässliche Regeln, Standards, Garantien,
Rechtssicherheit brauchen. Für Unternehmen sind starke Staaten ebenso wichtig
wie starke Unternehmen für Staaten. Die Steuern fliessen in ein ökonomisches
Umfeld, dass der Konzern braucht, um auf dem Weltmarkt zu bestehen (Bildungswesen,
Infrastruktur, Gesundheitswesen). Warum sonst wäre z.B. der besonders bewegliche
High-Tech-Konzern Nokia noch immer in einem Hochsteuerland wie Finnland
beheimatet? Auch Investitonen sind überwiegend national gebunden. So kamen 2002
fast 85% des in Deutschland investierten Kapitals aus dem Inland, in den USA
waren es 80%.
Mit der Globalisierung sind nicht nur die Konzerne gewachsen, sondern auch ihre
Märkte – was mehr Kunden, aber auch mehr Wettbewerber bedeutet. Die Telekom
beispielsweise ist heute zwar ungleich grösser als vor 10 Jahren, mächtiger ist
sie deshalb noch lange nicht. Denn Unternehmen profitieren nicht nur von den
grösser gewordenen Märkten, sie fürchten auch ihre Folgen. Gerade der
internationale Wettbewerb gilt als wichtige Barriere, die das Entstehen
machtvoller Großunternehmen, wie die East India Company vor 400 Jahren,
verhindert. Und er ermöglicht beispielsweise Kartellwächtern, eine wirksame
Überwachung durchzuführen.
Noch immer kontrolliert die Öffentlichkeit die Unternehmen, nicht andersherum.
Größe ist nicht gleichbedeutend mit Macht und paradoxerweise sind gerade
weitverzweigte internationale Firmen leicht verwundbar. Der Verbraucherboykott
gegen Shell im Zusammenhang mit der geplanten Versenkung der Ölbohrplattform
Brent Spar oder die Kinderarbeitsvorwürfe gegen Modefirmen zeigen, dass weltweit
agierende Konzerne leichte Ziele für Verbraucherproteste sind.
Irrtum Nr. 2: IWF, Weltbank und WTO folgen dem Willen der Mächtigen, um die
Schwachen zu unterdrücken
Wie kaum eine andere globale Institution stehen der Internationale Währungsfond
und die Weltbank in der Kritik der Anti-Globalisierungsszene. Sie verfolgten, so
heisst es, einseitig die Interessen der Mächtigen - der reichen Industrieländer.
Radikale Globalisierungsgegener fordern sogar die Abschaffung beider
Institutionen.
Ähnlich gehen die Globalisierungsgegner mit der Welthandelsorganisation WTO ins
Gericht: Diese liberalisiere den Welthandel nur deshalb, damit Unternehmen aus
dem reichen Norden sich leichter die Märkte des Südens erschliessen können.
IWF und WB haben in der Vergangenheit grosse Fehler gemacht und der Einfluss der
USA auf Entscheidungen ist nicht zu übersehen. Zudem ist die Gestalt und
Arbeitsweise der beiden Institutionen geprägt von der Nachkriegszeit, die
heutige Welt hat mit der Welt von 1948 nicht mehr viel gemeinsam. Doch in beiden
Institutionen sind seit einigen Jahren vielversprechende Reformen im Gange. Auch
wenn ihre Gegner es anders sehen: IWF und WB sind wesentliche und unverzichtbare
Bausteine des globalen Dorfes. Den IWF abzuschaffen hiesse, auf einen
Ordnungsrahmen fuer internationale Finanztransaktionen zu verzichten. Und ohne
die Hilfe der Weltbank haben die meisten Entwicklungsländer keine Chance, in
absehbarer Zeit Partner im Welthandel zu werden.
Als Advokat der nachhaltigen Entwicklung kann nur die Weltbank auftreten.
Wirtschaftet die Regierung in die eigene Tasche, hat die Weltbank die Macht,
eine Politik zu Gunsten der Schwächeren einzuklagen. Das gleiche betrifft
Unternehmen, die in anderen Ländern investieren und nicht in erster Linie an das
Wohl der Bevölkerung und der Umwelt denken.
Die Wurzel allen Übels sehen die Globalisierungsgegner in den so genannten
Strukturanpassungsprogrammen, in denen der IWF die Bedingungen zusammenfasst,
die er an die Kreditvergabe knüpft. Eine demokratisch nicht legitimierte
Institution mischt sich in die Belange von Staaten ein, wettern die Gegner.
Dabei sind die Bedingungen für sich genommen eine Selbstverständlichkeit. Der
Fonds will sichergehen, dass er sein Geld nicht nicht in ein Fass ohne Boden
steckt. Abgesehen davon, will der IWF sein Geld nicht verschenken: Die
Strukturanpassung soll der Genesung von Volkswirtschaften dienen – und so die
Chancen erhöhen, dass das Gläubigerland seine Schulden eines Tages begleichen
kann.
Auch die WTO mit ihren mehr als 140 Mitgliedsländern steht im Kreuzfeuer der
internationalen Globalisierungskritik. Hauptkritikpunkt ist der Strukturwandel,
der oftmals mit der Öffnung der Märkte einhergeht. Dabei ist es gerade dieser
Wandel, der Ländern die Möglichkeit gibt, ihre komparativen Kostenvorteile
auszunutzen – den Umstand, dass sie bestimmte Güter günstiger produzieren können
als andere. Von dem so verdienten Geld können sie wiederum Güter kaufen, die
sich anderswo besser produzieren lassen. Für die internationale Arbeitsteilung
bedeuete dies, dass sich Länder mit niedrigen Arbeitskosten auf arbeistintensive
Fertigungen verlegen, solche mit hohen Arbeits – und niedrigen Kapitalkosten auf
kapitalintensive. Was spricht dagegen, Fertigungen zunächst in
Entwicklungsländer zu verlagern, die Entwicklung neuer Produkte und
Dienstleistungen bis auf weiteres in der entwickelten Welt zu belassen? In der
Konsequenz gibt es neue Beschäftigung in den Entwicklungsländern zu tendenziell
steigenden Löhnen. Und mit steigendem Wohlstand bessern sich auch
Bildungsstandard, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur.
Die WTO ist der Motor der Globalisierung. Sie stösst solche Entwicklungen erst
an, und sie ist gerade kein Instrument der Mächtigen, um die Armen zu
unterdrücken. Im Gegenteil: Geschickt ausgenutzt, ist die WTO ein Instrument der
Entwicklungsländer, ihre Position in der Weltwirtschaft zu verbessern. Und der
freie Handel ist und bleibt die beste Form der Hilfe zur Selbsthilfe – wenn er
die betreffenden Länder nicht überfällt.
IWF, Weltbank und WTO haben die Globalisierung vorangetrieben und sie sind
mächtig. Doch diese Organisationen sind nur wenig älter als die jüngsten
Globalisierungsschübe – und sie stehen erst am Anfang. Wer sie schlicht verdammt,
macht sich die Sache zu leicht. Eine Globalisierung, die langfristig alle
Staaten der Welt einbeziehen soll, wird ohne die Stabilität des IWF, die Hilfe
der Weltbank und die Regeln der WTO nicht auskommen.
Irrtum Nr. 3: Der freie Welthandel dient nur der Ausbeutung der
Entwicklungsländer
Für jeden Dollar, der in die Entwicklungshilfe fliesst, so schimpfen
Globalisierungskritiker, werden den armen Ländern durch unfairen Handel zwei
Dollar wieder abgenommen. Bei dieser Sichtweise werden die Chancen übersehen,
die diesen Ländern aus dem freien Welthandel entstehen. Wäre der Aussenhandel,
wie vielfach behauptet, tatsächlich die neue Einflugschneise imperialistischer
Ausbeuter, dann müssten sich die Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern im
Laufe der letzten Jahrzehnte unterschiedslos verschlechtert haben. Doch das
trifft nicht zu: der Anteil derjenigen, die unter der Ein-Dollar-Armutsgrenze
leben, sank seit Mitte der 80er Jahre von 22 auf 18 Prozent. Auch eine Reihe
wichtiger Entwicklungsindikatoren wie Lebenserwartung und Analphabetenquote
lassen den Schluss zu, dass sich die Lebensqualität in den Entwicklungsländern
in den vergangenen Jahren in wichtigen Bereichen verbessert hat. Gleichzeitig
konnte die sogenannte Dritte Welt ihren Anteil am Welthandel in den vergangenen
Jahren kontinuierlich steigern. Und in den Ländern, die ihren Aussenhandel am
stärksten ausgeweitet haben, ist die Wirtschaft weit überdurchschnittlich
gewachsen. Das bringt manches Argument ins Wanken: Handel und Globalisierung
ermöglichen vielen Entwicklungsländern erst jenen Wohlstand, den Kritiker durch
die Globalisierung bedroht sehen.
Grund zur Euphorie gibt es trotzdem nicht. Dies betrifft vor allem die Löhne in
den Entwicklungsländern. Verglichen mit den USA, Westeuropa und Japan liegen die
Reallöhne in einigen Ländern der Dritten Welt um bis zu 70-mal niedriger. Aus
Sicht der Globalisierungskritiker sind es die Unternehmen des Nordens, die immer
weiter auf die Löhne drücken: Sie spielen Entwicklungsländer gegeinander aus und
treiben sie so in einen unseeligen Wettbewerb um die schlechtesten
Arbeitsbedingungen. Niedrige Arbeitslöhne lassen sich jedoch auch anders
einordnen – als Wettbewerbsvorteil innerhalb der internationalen Arbeitsteilung.
Ein funktionierender Welthandel setzt voraus, dass die beteiligten Länder ihre
Wettbewerbsvorteile ausspielen können. Im Falle der Entwicklungsländer bestehen
diese Vorteile im relative Reichtum an einfachen günstigen Arbeitsplätzen. Zwar
mögen die Löhne im Vergleich etwa zum europäischen Niveau „ausbeuterisch“
niedrig sein, doch für diejenigen, die einen solchen Job annehmen, bessert sich
das Leben. Eine Arbeit gegen festen Lohn verringert Unsicherheiten, hebt den
Lebensstandard und gibt nachfolgenden Generationen grössere Chancen, sie erlaubt
oftmals erst die demokratische Mitsprache und den Aufbau von Gewerkschaften, was
wiederum vor schlechten Arbeitsbedingungen schützen kann – und so fort. Diese
Entwicklungen sind nicht zwingend – doch in der öffentlichen Diskussion werden
sie gerne unterschlagen.
Der freie Welthandel, den viele Globalisierungsgegner für die Wurzel allen Übels
halten, ist weder der Grund für die Armut in der Dritten Welt, noch ist er ein
Vehikel der Blutsaugerei, mit dem sich die reichen Länder Zugang zu den armen
verschaffen. Die Armut in der Dritten Welt hat andere Gründe:
Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und Epidemien auf der anderen, marode
Industrien und Mangel an Handel, Kriege und Unsicherheit, Misswirtschaft und
Korruption. Die entwickelte Welt ist sicherlich alles andere als unschuldig an
dieser Armut – doch mit einer konsequenten Liberalisierung des Welthandels
könnte sie den Entwicklungsländern entscheidend helfen.
Ein Selbstläufer ist die Liberalisierung aber nicht. Damit sie die
Entwicklungsländer stärkt und den Aufbau einer autonomen Wirtschaft fordert,
braucht es einen verlässlichen, multilateral abgestimmten Ordnungsrahmen. Bei
den am wenigsten entwickelten Ländern müssen Liberalisierung und vermehrte
Globalisierung von maßgeschneiderten Entwicklungsstrategien begleitet sein. Dies
setzt Demokratisierung, ein funktionierendes Rechtssystem und die Bekämpfung der
Korruption voraus. Und sie hilft mit, dies überhaupt erst durchzusetzen.
Irrtum Nr. 4: Die Globalisierung vernichtet unsere Arbeitsplätze
Globalisierung bedeutet für viele Arbeitnehmer in den Industriestaaten vor allem
eins: Unsicherheit. Ihre Angst: jede weitere Liberalisierung, jeder gefallene
Zoll, jede abgeschaffte Exportgarantie verschärfe den Wettbewerb auf dem
Weltmarkt, senke die Weltmarktptreise und gehe damit zu Lasten von Standorten
mit hohen Löhnen.
Aber die Wanderung von Arbeitspätzen - wie auch die von Kapital - ist nichts
anderes als eine längst überfällige Anpassung. Arbeit, Kapital und Wissen, die
drei entscheidenden Produktionsfaktoren, sind weltweit ungleich verteilt, und
damit auch unterschiedlich teuer. In einer sich öffnenden Welt können die
verschiedenen Regionen immer besser ihre jeweiligen Vorteile einbringen. Chancen
für neue Beschäftigung tun sich auf - allerorts.
Das Beispiel des US-Stahlzolls zeigt, dass der Versuch, die Stahlproduktion vor
ausländischer Konkurrenz schützen zu wollen, letztendlich Arbeitsplätze kostet
anstatt sie zu schützen. Durch die Einführung verteuerte sich der Stahl und
somit auch die Herstellungskosten von Maschinen, Kühlschränken, Autos, Schiffen,
Flugzeugen, indirekt auch für Transport. In diesen hart umkämpften Märkten sind
Preiserhöhungen ausgeschlossen, somit mussten die Personalkosten sinken,
Arbeiter entlassen werden. Handelspartner führten „Vergeltungszölle“ für
amerikanische Produkte ein und Vergeltung ruft meist nach neuer Vergeltung – um
die eigene Stahlindustrie zu schützen, wurde der Erfolg von anderen
Wirtschaftszweigen riskiert. Und über höhere Preise zahlen die Bürger den Zoll
indirekt mit.
In diesem komplexen System gegenseitiger Handelsbeziehungen zieht jede
Begrenzung eine andere nach sich. Der kurzsichtige Protektionismus ist populär –
und zynisch. Immer werden andere Arbeitnehmer die Folgen tragen. Aber das
geschieht meist unsichtbar.
Im Kern stecken hinter jedem Strukturwandel, den die Industrieländer seit der
Entdeckung Amerikas erlebten, internationaler Handel und technischer
Fortschritt. Also letztlich auch immer eine Art Globalisierung. Wandel ist
nicht, wie so oft propagiert wird, gleich Verlust. Er ist immer auch eine
Herausforderung, sich in einer veränderten Welt zurechzufinden. Ohne
internationalen Wettbewerb fehlt der äußere Druck zur Innovation – die
Globalisierung verleiht dem Handel eine Dynamik, die es noch nie gegeben hat.
Aber gerade diese Rasanz gesellschaftlicher Veränderungen ist es, die Kritik an
der Veränderung weckt.
Das GATS-Abkommen soll künftig als zweite Säule des Welthandels neben dem
GATT-Abkommen stehen, dass die schrittweise Verminderung der Zölle auf Güter
regelt. Zweifellos wird GATS zu einem härteren Wettbewerb, zu größerer
Arbeitsplatzunsicherheit und möglicherweise auch zu fallenden Löhnen führen.
Dass es aber Arbeitsplätze kosten wird, ist unwahrscheinlich. Denn im
wesentlichen geschieht nichts anderes als bei der Liberalisierung des
Güterhandels – nur ist der Effekt auf den Einzelnen noch sichtbarer. Der
wachsende Wettbewerb bei Dienstleistungen wird also zu einem wachsenden Angebot
bei sinkenden Preisen führen. Und damit letztlich auch zu neuen Jobs.
Allerdings dürfen sich die Staaten nicht das Recht nehmen lassen, die
Daseinsvorsorge für ihre Bürger verbindlich zu regeln – damit in den Bereichen,
die nur mit öffentlichen Zuschüssen funktionieren, nicht Leistungen gestrichen
werden, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann und will. Wasserver- und
entsorgung, Müllabfuhr, Theater und Universitäten können, wenn überhaupt, nur
bedingt im Wettbewerb bestehen. Nötig sind allgemeine Regeln für deren Betrieb,
damit die Liberalisierung nicht zum Abbau wesentlicher Leistungen führt.
Sicher ist: die Arbeit wird der entwickelten Welt nicht ausgehen, sie sieht nur
anders aus. Honorardienstleitungen, freie Tätigkeiten, das Nebeneinander
verschiedener Arbeitgeber kennzeichnen die Beschäftigungswelt von morgen. Die
immer neue Qualifizierung von Arbeitnehmern wird zum wichtigsten Schutz vor
Arbeitslosigkeit. Sozialsysteme werden sich noch stärker auf Änderungen
einstellen müssen, die nicht zuletzt der Globalisierungsprozess ihnen
abverlangt. Diese Prozesse helfen, im Wettbewerb der Systeme und Ideen bessere
Strukturen zu finden. Davon können langfristig alle profitieren.
Irrtum Nr. 5: Verbraucherschutz und Arbeitnehmerrechte bleiben am Weltmarkt auf
der Strecke
Strenge Standards, so sehen es viele Kritiker, sind die Opfer der
Globalisierung. Entweder gibt man sie auf – wie viele Qualitätsstandards im Zuge
internationaler Übereinkommen. Oder sie fallen dem weltweiten Standortwettbewerb
zum Opfer. Weil Länder mit niedrigen Umwelt- oder Sozialstandards oft für
ausländische Direktinvestitionen attraktiver sind als „überregulierte“
Hochlohnländer, so klagen die Globalisierungsgegner, steuere die Welt nun
kontinuierlich den kleinsten gemeinsamen Nenner an. Lasche
Umweltschutzvorschriften, ungebremste Ausbeutung von Arbeitnehmern,
Verbraucherschutz, der den Namen nicht wert ist – so sehen Kritiker die Folgen
des internationalen Standortwettbewerbs.
Gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen der Wandel scheinbar kaum zu
bremsen ist, beweisen Gesellschaften grosses Beharrungsvermögen. Jede Änderung
wir schnell als Dammbruch empfunden, der die gewohnte Welt umkrempelt. Die
Frage, ob ein strenger Standard auch ein sinnvoller ist, tritt dahinter
vollkommen zurück. Hinzu kommt, dass der heftige Widerstand von
Unternehmensvetretern oder Gewerkschaften oftmals zu einer zusätzlichen
Überbetonung der Folgen führt. Der Verlust von Normen kann schmerzen, doch im
Grunde hilft er allen. Einigen sich die Staaten auf gemeinsame Regeln,
erleichtert das den Handel und eröffnet neue Exportchancen. Das schafft neue
Arbeitsplätze und nimmt denjenigen den Wind aus den Segeln, die eben noch mit
strengen Normen ihren Markt beschützen wollten. Gleichzeitig fallen die
Güterpreise im Wettbewerb erheblich.
Wollen die Konsumenten auf Gewohntes nicht verzichten, werden sie auch bereit
sein, einen höheren Preis zu zahlen. Mit strengen Vorschriften muss man
Konsumenten nicht schützen: Über Qualität urteilen sie selbst.
Wesentlich komplizierter sieht die Sache aus, wenn sich Schutzvorschriften nicht
mehr mit Produkten befassen, sondern mit Produktionen. Denn im internationalen
Standortwettbewerb geht es nicht nur um die Erschliessung neuer Märkte, sondern
auch um die Suche nach den günstigsten Herstellungsbedingungen. Der
internationale Standortwettbewerb, so klagen Umweltschützer, Menschenrechtler
und Gewerkschafter, schraubt Öko- und Sozialstandards immer weiter nach unten.
Die Kritik ist berechtigt. Im Wettlauf um die begehrten ausländischen
Direktinvestitionen ist das günstige Investitionsklima entscheidend. Aber so
zynisch es klingt: In der Unterbietung hoher Anforderungen liegen für
Entwicklungsländer einige der wenigen Chancen, in den internationalen Wettbewerb
einzusteigen. Sie hätten kaum Möglichkeiten, in der Wertschöpfungskette vom
Rohstoff bis zum Endprodukt zusätzliche Veredelungsstufen aufzubauen, um ein
Wirtschaftswachstum aus eigener Kraft anzustossen. Kurz: sich zu entwickeln.
Werden strikte Arbeitsstandards in Handelsverträge aufgenommen, ist das
letztlich nur ein neues Instrument der Verdrängung unliebsamer Konkurrenz – und
benachteiligt ausgerechnet die Länder, die am dringendsten darauf angewiesen
sind, stärker in den Welthandel integriert zu werden. Die Forderung nach
strengeren Arbeitsstandards ist in der Lobbyarbeit praktisch, denn sie lässt
sich gut in den Deckmantel des Sozialen kleiden. Dies zeigt, wie gefährlich eine
missverstandene Anti-Globalisierungshaltung sein kann, die angeblich den
Entwicklungsländern helfen soll, ihnen aber in Wirklichkeit schadet. Nicht
umsonst sind die Entwicklungsländer gegen die Festschreibung von Sozialstandards
in völkerrechtlich verbindlichen Verträgen, etwa in denen der WTO. Sie fürchten
einen neuen Protektionismus der Industrieländer. Doch nicht politisch
beschlossene Zwangsmaßnahmen, sondern eine behutsame wirtschaftliche Entwicklung
hilft bei der Errichtung besserer Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern.
Immer wieder fordern gerade Globalisierungskritiker die hohen Standards für
Entwicklungsländer ein. Doch letztlich machen sie sich damit einer neuen Art
Imperialismus verdächtig. Müsste sich die Dritte Welt an das hohe Sozialniveau
der Industrieländer anpassen – es wäre tödlich für sie. Die Entwicklungsländer
zu höheren Sozialstandards zu motivieren ist, wenn überhaupt, die Aufgabe der
Verbraucher in den reichen Länder; und nicht die konkurrenzscheuer Unternehmer
oder Gewerkschaften, die am Ende doch nur den eigenen Vorteil suchen.
Der Verbraucherschutz wird auf freien Weltmärkten genauso Bestand haben wie in
einer autarken Welt, in der jeder Staat nur für sich selbst sorgt. Sinnvolle
Standards werden die Globalisierung überleben, unsinnige nicht. Die Rolle der
Verbraucher wird in dieser Welt immer stärker, nicht schwächer. Die Arbeit
derer, die Konsumenten aufklären, wird vor diesem Hintergrund immer bedeutender
werden. Entscheiden sich die Verbraucher vermehrt für Produkte, die bestimmten
Mindestanforderungen genügen, steigt auch der Druck auf die Hersteller, diese
einzuhalten. Die Globalisierung zerstört nicht das Gute – sie weckt vielmehr
eine neue und notwendige Diskussion darüber, was gut ist und was nicht.
Irrtum Nr. 6: Der Vormarsch internationaler Konzerne in die dritte Welt schafft
nur Armut, Kinderarbeit und Sozialdumping
Unternehmen haben ihre Herstellung dorthin ausgelagert, wo sie billiger
produzieren können. Insbesondere arbeitsintensivere Produktionsschritte sind so
mittlerweile in Entwicklungsländer abgewandert. Wie Kraken, so die
Globalisierungsgegner, breiten sich die multinationalen Konzerne in der ganzen
Welt aus und es kümmere sie wenig, ob dabei fundamentale Arbeitsrechte verletzt,
die Umwelt zerstört oder Kinder um ihre Kindheit gebracht werden. Sie sind
Kolosse ohne Heimat, ohne grosse Mühe wechseln sie die Standorte und können von
Land zu Land unterschiedliche Rahmenbedingungen zu ihrem Vorteil ausnutzen.
Doch schon ihres intenationalen Rufes wegen stehen viele weltweit agierende
Unternehmen mittlerweile für ein Mehr an Rechten, nicht für ein Weniger. Und ein
wirtschaftlicher Aufstieg vieler Entwicklungsländer wäre ohne ein Engagement
dieser Konzerne gar nicht denkbar. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass die
Attraktivität vieler Länder der dritten Welt durch eine brisante Mischung von
Standortfaktoren interessant geworden ist (billige Arbeitskräfte, fehlender
Arbeits- und Kündigungsschutz, Korruption), doch noch wichtiger sind für viele
die Erschliessung neuer Märkte. Die Grösse der Märkte und damit das zusätzliche
potentielle Umsatzpotential vor Ort locken – in diesem Falle setzen die
Unternehmen auf Entwicklung und eine Kaufkraft, die auf lange Sicht nicht aus
Hungerlöhnen gespeist werden kann.
Zusammen mit ihren modernen Produktionsstätten exportieren ausländische Konzerne
auch westliche Vorstellungen von guten Arbeitsbedingungen in die dritte Welt.
Bei ihren Zulieferern üben sie Druck aus, deren Arbeitsbedingungen zu
verbessern. Ihre Präsenz steigert die Bezahlung der einheimischen Arbeiter und
auf Dauer die Arbeitsbedingungen für breite Schichten. Da die Entwicklungsländer
die ausländischen Investoren als Chance auf zusätzlichen Export und Wachstum
sehen, lehnen sie vehement verbindliche Sozial- und Umweltstandards ab, die
ihnen ihren Standortvorteil rauben würde.
International vernetzte Menschenrechtsgruppen, Umweltschützer,
Oppositionspolitiker und Gewerkschafter organisieren blitzschnell (globale)
Demonstrationen und Protestaktionen, die beispielsweise Shell nach seiner
Unterstützung einer korrupten Regierung in Nigeria und letztendlich der
Hinrichtung Ken Saro-Wiwas 1995 eine bittere Lehre und in aller Welt Boykotte
von Shell-Tankstellen bescherten. Multinationale Konzerne arbeiten zunehmend an
ihrem sozialen und ökologischen Ansehen – somit gibt ihnen die Globalisierung
nicht die Möglichkeiten zur Ausbeutung, Unterdrückung und Umweltzerstörung, sie
raubt sie ihnen. Viele Unternehmen unterwerfen sich freiwillig der zuletzt im
Jahr 2000 neu gefassten Richtlinien der OECD, der die Kernarbeitsnormen der ILO
umfasst, und im Juli 2000 wurde ein "Global Compact" zwischen 50 Ländern und 700
Unternehmen geschlossen – ein Wettlauf um das beste soziale Image hat begonnen.
Eine neue Transparenz wird damit praktisch erzwungen: wenn sich die Unternehmen
schon Selbstverpflichtungen auferlegen, müssen sie auch Einlick in die
tatsächlichen Verältnisse geben. Gleichzeitig wächst der Druck auf Unternehmen,
die bislang noch in der Deckung geblieben sind.
In den seltensten Fällen beschäftigen Multis Kinder (laut UNICEF 3% bei Multis
und ihren Zulieferern), sondern örtliche Kleinunternehmen oder die eigene
Familie, die zum Überleben immer noch auf die Arbeitskraft ihrer Kinder
angewiesen sind. Kinderarbeit ist ein Armutsphänomen und der Wohlstandseffekt
der Globalisierung trägt zu ihrer Eindämmung bei. Freilich beschäftigen immer
noch zu viele Unternehmen Kinder - der Druck von einer zunehmend an ideellen
Werten orientierten Verbraucherseite, die eher Produkte kaufen, die unter guten
Arbeitsbedingungen enstanden sind und dafür auch gerne etwas mehr zahlen, kann
dazu beitragen, diesen Prozess zu beschleunigen. Verbindliche Sozialklauseln
wirken in der Regel kontraproduktiv, da sie an den Symptomen ansetzen, die
eigentliche Problematik aber nicht beseitigen.
Irrtum Nr. 7: Der große Finanzcrash ist unabwendbar
Nicht die Globalisierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte hatten Mitte
1997 Südostasien an den Rand des Abgrundes getrieben, sondern die strenge
Dollarbindung des Baht und vor allem der schlecht organisierte Kapitalmarkt und
der extreme Zustrom ausländischen Kapitals (1996: 95 Mill. US-$, 1997: –12 Mill.
US-$), der laxe Kreditvergabe und damit das Aufblasen einer unkontrollierbaren
Spekulationsblase verursachte. Auch das blinde Vertrauen auf ausgleichende
Beistandskredite im Krisenfall des IWF begünstigte den nahezu unbegrenzten
ausländischen Kapitalzustrom. Gerade die Globalisierung verhinderte im Zuge der
Asienkrise eine Weltkonjunkturkrise, da die US-Wirtschaft die Nachfrageausfälle
in Asien mit einer starken Binnennachfrage ausglich.
Kritiker bemängeln, dass der weitaus grösste Teil der heutigen Devisenströme
spekulationsgetrieben sei, also kurzfristige Transaktionen, die dem Finanzmarkt
Stabilität und Verlässlichkeit entziehen. Durch eine Spekulationssteuer von
0,1-1%, die 1972 vom Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin vorgeschlagen
wurde, würde die Frequenz und das Volumen der Devisentransaktionen sinken und so
verheerende Finanzkrisen verhindert werden. Ausserdem könnten die zusätzlichen
Einnahmen für Entwicklungshilfe genutzt werden.
Bei näherer Betrachtung allerdings wirkt der Devisenhandel eher stabilisierend
auf Märkte und gleicht Marktschwankungen aus – 80% aller Transaktionen dienen
der Absicherung von Geschäften. Genauso wenig würde die Tobin-Steuer
Finanzkrisen verhindern, denn bei Wechselkursverlusten bis zu 50% (wie in der
Asienkrise) übt eine Steuer in Höhe von 1% keinerlei abschreckende Wirkung aus.
Zudem verzerrt sie die Effizienz der Märkte, da sie einen Keil zwischen in- und
ausländische Investitionen treibt. Ausserdem wehren sich die meisten Politiker,
allen voran die USA, gegen die Steuer.
Die behutsame Öffnung der Finanzmärkte muss in Entwicklungsländern mit einer
raschen Öffnung der Gütermärkte für den internationalen Handel einhergehen. Denn
einerseits müssen Entwicklungsländer so lange ihre Finanzmärkte steuern, bis ein
funktionierendes Banken- und Kreditwesen aufgebaut ist, um das Land vor Krisen
zu schützen und andererseits kann der Wachstumsprozess nur mit einer stärkeren
Eigenkapitalbildung finanziert werden, was international agierende Unternehmen
voraussetzt, die ihre Gewinne reinvestieren können. Wer also von
Entwicklungsländern die rasche Öffnung ihrer Märkte fordert, der muss darauf
verzichten, die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft durch Subventionen
künstlich zu steigern.
Die Asienkrise hat Einsichten gefordert und während die Interventionen des IWF
in Thailand erfolglos blieben, verfügt das internationale Finanzsystem heute
über erstaunlich viele internationale Schutzmechanismen, die verhindern, dass
Unfälle zu weltumspannenden Massenkarambolagen führen. Auch der IWF hat aus
seinen Fehlern gelernt und die Asienkrise hat Initiativen zu einer
Weiterentwicklung der Weltfinanzordnung bewirkt, die deren Anfälligkeit für
Krisen mindert. Die Asienkrise hat gezeigt, dass gerade die Globalisierung
Kompensationschancen in Krisenzeiten ermöglicht.
Irrtum Nr. 8: Der globale Standortwettbewerb zerstört die Umwelt
Aus der Sicht der Kritiker steht die Internationalisierung der Märkte für ein
weltweites Wirtschaftswachstum und einen steigenden Verbrauch natürlicher
Ressourcen. Der Wettbewerb um natürliche Ressourcen führe zwangsläufig zu deren
Ausrottung. Marktgesetze würden zur bestimmenden politischen Formel auf dem
Globus. Der globale Standortwettbewerb führe zu einer Abwärtsspirale im
Umweltschutz.
Aber der natürliche Feind der Umwelt heisst nicht Globalisierung, sondern Armut.
"Armut ist das schärfste Gift für die Umwelt" stellte schon Indira Ghandi fest.
Landlose Bauern roden jahrhundertealte Wälder, weil ihnen alternative
Einnahmequellen fehlten. Positive Effekte der Globalisierung sind z.B. ein
Hilfsprogramm von Industrienationen für den brasilianischen Regenwald (1992: 350
Mill. $) – würde dieser zerstört, hätte das auch Auswirkungen auf die fernen
Industrienationen des Nordens. Den Gesundheitszustand des blauen Planeten können
der reiche Norden und der arme Süden nur gemeinsam verbessern.
Dabei ist eigentlich längst klar, was zu tun ist: Nachhaltigkeit ist
mittlerweile der Sammelbegriff für den richtigen Umgang mit der Natur – ein
Begriff, der keinen Widerspruch duldet. Die 1983 von dem Sekreteriat der
Vereinten Nationen eingesetzte Komission "Umwelt und Entwicklung" fomulierte 4
Jahre später ihre Kernthese: "Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die
Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation deckt, ohne die Möglichkeiten der
zukünftigen Generationen zu beeinflussen."
Wirtschaftliches Wachstum ist für einen nachhaltigen Umweltschutz unerlässlich,
weil erst ein höherer Lebensstandard in der Bevölkerung das Verständnis für die
Probleme des globalen Umweltschutzes steigert. Ab einem Einkommen von 8.000 $
(etwa in Costa Rica, Chile, Polen), so fanden Ökonomen heraus, beginnt das
Bedürfnis nach Umweltschutz in allen Bereichen und die Umweltstandards werden
mit steigendem Einkommen strenger. Wirtschaftliches Wachstum hat also – entgegen
der These von Globalisierungsgegnern – durchaus positive Effekte auf die Umwelt.
Als wichtigste Voraussetzung dafür, dass das Ökosystem des Globus nicht
ernsthaft in Gefahr gerät, gilt die Stabilisierung der Weltbevölkerung. Die
Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass die Weltbevölkerung sich auf humane
Weise nur stabilisieren lässt, wenn der materielle Lebensstandard in den Ländern
der dritten Welt erheblich steigt. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werde das
Bevölkerungswachstum nach Schätzungen der Weltbank durch steigende
Lebensstandards bei rund zehn Milliarden Menschen Halt machen. Ein
stabilisierender Faktor: die Globalisierung.
Da sich Einsparungen von Industrieunternehmen bei dem Standortwechsel in
Entwicklungsländer in erster Linie aus der Entlohnung ergeben und sie in
Industrienationen nur 1% für die Senkung von Schadstoffemissionen ausgeben,
greift auch die These der Globalisierungsgegner zu kurz, dass der internationale
Handel zum Export von Umweltverschmutzung aus reichen in arme Länder führt. Nur
5% der Direktinvestitionen in arme Länder flossen in verschmutzungsintensive
Industrien, in reichen Ländern sind es hingegen 24%. Demokratische
Regierungssysteme machen es wahrscheinlich, dass Umweltvorschriften zum Wohle
der Bevölkerung ausgelegt und überwacht werden. Demokratisierungsprozesse werden
häufig durch die Globalisierung angestossen.
Der Umweltschutz, der auf Verboten basiert, hat in weiten Teilen der Welt
ausgedient und die Einsicht hat sich durchgesetzt: Zahlen sich Naturressourcen
nicht in barer Münze aus, gehen sie vor die Hunde. Ein gutes Beispiel sind
globale Quoten- und Zertifikatsysteme. Sie ermöglichen effiziente Lösungen nach
Marktgesichtspunkten und ermöglichen dem Staat zudem eine umfassende
Überwachung.
Der Markt kommt im Rahmen von Gesetzen und Vorschriften zu einer effizienten
Lösung, und existieren falsche Rahmenbedingungen, so optimiert der Markt
negative Ergebnisse. Um zu verhindern, dass Gütertransporte mit zweifelhafter
Notwendigkeit die Umwelt belasten, müssen entsprechende Rahmenbedingungen ihnen
einen Riegel vorschieben. Dem Bemühen, die Kosten der Umweltverschmutzung in die
Preise von Gütern zu integrieren, wird eine immer höhere Bedeutung zukommen.
Damit das Umwelthaftungsrecht effizient Wirkung entfalten kann, muss die
sogenannte Gefährdungshaftung (grundsätzliche Haftung im Falle eines Schadens)
an die Stelle der derzeit gültigen Verschuldungshaftung treten (nur Haftung bei
fahrlässigem Verhalten). Die zunehmende Vernetzung der Staaten und deren
wachsende wechselseitige Abhängigkeit hilft, globale Vereinbarungen
durchzusetzen.
Ökonomie und Ökologie brauchen einander: ohne adäquaten Umweltschutz werden die
Fundamente künftigen Wachstums zerstört. Und ohne Wirtschaftswachstum ist
Umweltschutz nicht zu leisten.
Irrtum Nr. 9: Globale Marken bedrohen kulturelle Vielfalt und Werte
Globalisierungsgegner sehen die kulturelle Vielfalt in einer Welt bedroht, in
der sich nationale Identitäten in einer Konsumgesellschaft nach amerikanischem
Muster in nichts auflösen. Standardisierte Produktpaletten und eine
allgegenwärtige Pseudokultur in Gestalt von Marken ließen keinen Raum mehr für
die Kultur jenseits wirtschaftlicher Interessen. Waren würden durch Marken zu
Kulturgütern, Kulturgüter über ihre Instrumentalisierung durch Unternehmen zu
Marken. Die Multis selber tragen den Anspruch offen vor sich her, mit ihren
Logos auch Werte zu transportieren. Nicht mehr nur auf Produkte sollen die
Embleme hinweisen, sondern auch auf ihre Verheissungen (Coolness,
Individualität, Exotik, etc.).
Die Sorge um eine Vereinheitlichung von Kulturen basiert auf einem Verständnis
nach dem diese weitgehend in sich abgeschlossene Gebilde sind. Tatsächlich aber
sind Kulturen ohne prägende Einflüsse von aussen gar nicht denkbar, sie
entstehen immer aus der Begegnung und dem Austausch mit anderen Kulturen, dem
gegenseitigen Aufnehmen und Abgrenzen. Es gibt Wettbewerb und Vergleich, es wird
umgewandelt und uminterpretiert, zerlegt und neu zusammengesetzt. Ausgerechnet
die Globalisierungsbewegung selbst gilt als Indiz für eine längst bestehende Art
von Weltkultur.
Gerade Globalisierungsgegner treten in der Regel für Multikulturalismus und für
die Toleranz gegenüber anderen Kulturen ein. Mit welcher Begründung liesse sich
das, was im eigenen Land als Bereicherung vestanden wird, den Völkern in
Entwicklungsländern vorenthalten?
Nationale Identität wird durch einen kulturellen Austausch nicht eliminiert,
vielmehr werden die Bindungen an einheitliche, über nationale oder regionale
Gemeinschaften definierte Wertesysteme und Lebensformen gelockert.
Homogenisierung und Grenzsetzung, Konflikt, Ausdifferenzierung und kulturelle
Vermischung sind keine einander ausschliessenden Entwicklungen, sondern bedingen
sich gegenseitig. Menschen gehen mit Fremdeinflüssen auf vielfältige Weise um:
sie wehren sie ab oder sie verwandeln sie in einer Art und Weise, die kompatibel
mit ihren eigenen Bedürfnissen, Erfahrungen und Wertvorstellungen ist.
Ausgerechnet die Globalisierung führt zu einer Rückbesinnung auf regionale
Besonderheiten. Denn während Raum und Zeit durch die Vernetzung der Welt an
Relevanz verlieren, wird das Bedürfnis nach lokalen Wurzeln und einer regionalen
Identität immer wichtiger. Mit der Wortschöpfung "Glokalisierung"
(Globalisierung+Lokalisierung) hat das Phänomen bereits Einzug in die
Regionalwissenschaft gefunden.
Ein Kulturgut erobert tatsächlich mit schnellen Schritten den Weltmarkt und
gerade das widerlegt die These von der Vereinheitlichung der Kulturen: die
englische Sprache. Ihre Verbreitung dient einem wachsenden Teil der Bevölkerung
nur der Verständigung, ohne dabei irgendjemandem zu schaden. Im vielstimmigen
Europa wird sie zum verbindenen Element, sie tritt aber immer neben die
Landessprache und verdrängt sie nicht.
Gegen kulturelle Monopole spricht auch, dass das Internet von Medien-Unternehmen
kontrollierte Informationsmonopole aufbricht. Damit entsteht eine völlig neue,
globale Kulturplattform, die für neue Freiheiten sorgt.
Nach Schätzungen von Marketingexperten enden 4 von 5 Versuchen, neue oder
verbesserte Produkte einzuführen, mit einem Flop – nicht gerade ein Beleg für
die Macht der großen Produzenten über die Verbraucher. Wenn Produkte weltweit
angenommen werden, lässt sich für solche Homogenisierungstendenzen nicht die
"Coca-Colonisierung" verantwortlich machen. Die Ursachen liegen vielmehr darin,
dass die Präferenzen der Menschen in einigen Bereichen wohl doch nicht so
verschieden sind.
Multis können Katalysatoren von Kultur sein, selbst erschaffen können sie sie
nicht. Noch immer entwickeln sich kulturelle Trends jenseits von Effizienz,
Konkurrenz, Rentabilität und Wachstum. Die Globalisierung bietet eine Chance für
friedliche Koexistenz und den Austausch unterschiedlicher Kulturen, die in der
Geschichte ihresgleichen sucht.
Irrtum Nr. 10: Die Globalisierung lässt sich nicht steuern
Mit dem Fortschreiten der Globalisierung verbinden viele Menschen die Angst,
etwas zu verlieren: Heimat, Identität, Arbeitsplätze, Einfluss auf die Politik,
etc. Warum gilt Globalisierung - obwohl sie schon Alltag ist und der Umgang mit
ihr Gewohnheit - immer noch als bedrohliche Kraft? Viele Berichte über die Macht
der Unternehmen und die Ohnmacht der Politik haben den Glauben an einen völlig
unkontrollierbaren Prozess genährt. Dabei wird oft übersehen, dass eine
zunehmende Öffnung und Integration weltweiter Märkte die Möglichkeit bietet, die
Globalisierung so zu steuern, dass sie den grösstmöglichen Nutzen für die
grösstmögliche Zahl von Menschen bringt.
Die Globalisierung ist kein Selbstläufer. Die verstärkte Integration ist
angewiesen auf die Zustimmung der Menschen und die Unterstützung der Politik.
Wie stark sich Nationen heute in den Welthandel integrieren, entscheiden sie
selbst. Vor allem kleine Länder, die nicht alle Produkte selbst herstellen
können, nutzen die Chance, über den begrenzten Heimatmarkt hinaus neue Märkte zu
erschliessen.
Um die Früchte der Globalisierung gleichmässiger zu verteilen, bedarf es
umfassender Demokratisierungsprozesse, welche oft erst durch die Teilnahme am
internationalen Handel und den dadurch steigenden Wohlstand ermöglicht werden.
Folgende Maßnahmen sind notwendig, um den größtmöglichen Nutzen aus der
Globalisierung ziehen zu können:
• Die Märkte des Nordens öffnen: den positiven Effekt der Entwicklungshilfe
heben die Handelsbarrieren des reichen Nordens, die nur wenig nützen, aber viel
kosten (jährlich 350 Mill. $), fast vollständig auf. Meint es die erste Welt
ernst mit dem globalen Handel, muss sie ihre Märkte stärker als bisher auch der
Konkurrenz aus der dritten Welt öffnen.
• Demokratie durch Handel fördern: mangelnde Demokratie, Korruption und
unsichere Rechtssysteme sind die wichtigsten Hindernisse für verstärkte
ausländischer Direktinvestitionen in die dritte Welt. IWF und Weltbank können
einen Beitrag dazu leisten, müssen aber erst einmal selber demokratisiert
werden. Sie abzuschaffen würde die Welt einer Strukutur berauben, die in Zukunft
einen wichtigen Einfluss bei Demokratisierungsprozessen spielen kann.
• Akzeptanz schaffen: war die Globalisierung lange primär eine ökonomische
Internationalisierung, muss nun verstärkt eine politische folgen. Als
wichtigstes Fundament für eine stärkere Akzeptanz gilt die Einbindung
nichtstaatlicher Akteure in das Regieren (Umwelt-, Entwicklungshilfe-,
Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften).
• Finanzsystem stabilisieren: um das Weltfinanzsystem zu stabilisieren, muss der
IWF viel stärker als bislang ein vorausschauendes Krisenmanagement betreiben und
sich bemühen, besser Eigenarten und spezifische Probleme zu berücksichtigen.
Damit die ärmsten Länder nicht immer tiefer in die Schuldenfalle rutschen, muss
es nach dem Vorbild des Privatrechtes künftig auch für Länder ein Insolvenzrecht
geben.
• Entwicklungshilfe ausbauen: noch immer sind die Budgets der westlichen Welt
für die Entwicklungshilfe beschämend gering (0,22% des BIP). Ein höherer Anteil
ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch ein ökonomischer
Imperativ,weil er wirtschaftliches Wachstum und Demokratisierungsprozesse
unterstützt.
• Umweltschutz internationalisieren: um effektiver gegen globale Umweltprobleme
vorgehen zu können, muss die Staatengemeinschaft ihre Umweltpolitik besser
koordinieren. Zwar gibt es schon eine internationale Umweltbehörde (UNEP), die
ist aber mit derart geringen finanziellen Mitteln und so schwachen Kompetenzen
ausgestattet, dass sie ein Schattendasein fristet.
Die erste Welt darf den Entwicklungsländern ihre Löhne und Sozialstandards nicht
aufzwingen, weil sie ihnen die Chance rauben würde, ihre Vorteile auszuspielen:
den Einsatz von Boden und billiger Arbeitskraft. Wer die Armut, schlechte
Arbeitsbedingungen und die Macht der Multis anprangert, muss erkennen, dass sich
sein Protest nicht gegen die Globalisierung selbst, sondern gegen einen Mangel
an Globalisierung richtet.
Die Globalisierung ist Realität, unveränderliches Schicksal ist sie jedoch
nicht. Jeder einzelne hat die Wahl und er sollte sich für eine verstärkte
Integration entscheiden. Der internationale Handel bringt mehr Wohlstand und
Freiheit für viele Menschen. Die weltweite Konkurrenz verweist die Macht der
Unternehmen in enge Schranken. Die Theorie des komparativen Kostenvorteils, nach
welcher der internationale Handel stets den Wohlstand aller Beteiligten mehrt,
wird tagtäglich zur Praxis. Die Globalisierung bereichert unser Leben, sie
mischt Kulturen, Ideologien und Moden. Richtig gesteuert kann sie das Tor zu
einer offenen, freien, wohlhabenderen und demokratischen Welt sein.
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