„Die 10 Irrtümer der Globalisierungsgegner“ (in English)

Zusammenfassung von 10 Kapiteln eines im September 2003 in Deutschland bei Eichborn erschienenen Buches der Wirtschaftsjournalisten Martin Balser und Michael Bauchmüller

Irrtum Nr. 1: Mächtige internationale Konzerne regieren die Welt
Unternehmen zählen zu den mächtigsten politischen Kräften unserer Zeit, warnt Naomi Klein. Und der Sozialwissenschaftler Jean Ziegler sieht die Globalisierung als den täglichen Terror des Kapitalismus. Doch Globalisierungsgegener irren, wenn sie ihre Lieblingsfeinde , die multinationalen Unternehmen, zur uneingeschränkten Machtinstanz über Politik und Verbraucher stilisieren. Denn die Globalisierung steht nicht nur für Rationalisierung und Privatisierung, sondern auch für einen Wettbewerb auf größeren Märkten, auf denen Konzerne größer und schwächer zugleich werden.
Der Einfluss grosser Konzerne wird häufig masslos unterschätzt. Naomi Kleins oft zitierte Aussage, dass unter den grössten 100 Wirtschaftseinheiten der Welt bereits 51 Konzerne rangieren, muss als Irrtum entlarvt werden. Denn sie vergleicht den Unternehmensumsatz mit dem Bruttoinlandsprodukt von Staaten. Anders als beim BIP, welches die Wertschöpfung eines Staates angibt, bleiben bei dem Umsatz die Kosten - etwa für den Einkauf von Waren - unberücksichtigt. Die Bedeutung der 50 grössten Konzerne, also deren Anteil am Weltbruttoinlandsprodukt, nahm nach UN-Angaben im vergangenen Jahrzehnt von 3% auf 2,8% ab.
Globalisierungsgegner fürchten, dass im internationalen Standortwettbewerb Konzerne Staaten im Kampf um die besten Rahmenbedingungen gegeneinander ausspielen können. Das Argument jedoch, dass im internationalen Standortwettbewerb Steuern immer weiter gesenkt werden, wird durch die Tatsache widerlegt, dass die Fiskalquote in den OECD-Ländern in den letzten 25 Jahren von 30,5% auf 37,4% gestiegen ist. In der Praxis zeigt sich, dass multinationale Unternehmen einen wichtigen Beitrag zur Steigerung des Lebensstandards im Gastland leisten.
Konzerne sind mit ihren Heimatländern oft viel stärker verbunden, als sie oft zugeben wollen, schon weil sie verlässliche Regeln, Standards, Garantien, Rechtssicherheit brauchen. Für Unternehmen sind starke Staaten ebenso wichtig wie starke Unternehmen für Staaten. Die Steuern fliessen in ein ökonomisches Umfeld, dass der Konzern braucht, um auf dem Weltmarkt zu bestehen (Bildungswesen, Infrastruktur, Gesundheitswesen). Warum sonst wäre z.B. der besonders bewegliche High-Tech-Konzern Nokia noch immer in einem Hochsteuerland wie Finnland beheimatet? Auch Investitonen sind überwiegend national gebunden. So kamen 2002 fast 85% des in Deutschland investierten Kapitals aus dem Inland, in den USA waren es 80%.
Mit der Globalisierung sind nicht nur die Konzerne gewachsen, sondern auch ihre Märkte – was mehr Kunden, aber auch mehr Wettbewerber bedeutet. Die Telekom beispielsweise ist heute zwar ungleich grösser als vor 10 Jahren, mächtiger ist sie deshalb noch lange nicht. Denn Unternehmen profitieren nicht nur von den grösser gewordenen Märkten, sie fürchten auch ihre Folgen. Gerade der internationale Wettbewerb gilt als wichtige Barriere, die das Entstehen machtvoller Großunternehmen, wie die East India Company vor 400 Jahren, verhindert. Und er ermöglicht beispielsweise Kartellwächtern, eine wirksame Überwachung durchzuführen.
Noch immer kontrolliert die Öffentlichkeit die Unternehmen, nicht andersherum. Größe ist nicht gleichbedeutend mit Macht und paradoxerweise sind gerade weitverzweigte internationale Firmen leicht verwundbar. Der Verbraucherboykott gegen Shell im Zusammenhang mit der geplanten Versenkung der Ölbohrplattform Brent Spar oder die Kinderarbeitsvorwürfe gegen Modefirmen zeigen, dass weltweit agierende Konzerne leichte Ziele für Verbraucherproteste sind.


Irrtum Nr. 2: IWF, Weltbank und WTO folgen dem Willen der Mächtigen, um die Schwachen zu unterdrücken
Wie kaum eine andere globale Institution stehen der Internationale Währungsfond und die Weltbank in der Kritik der Anti-Globalisierungsszene. Sie verfolgten, so heisst es, einseitig die Interessen der Mächtigen - der reichen Industrieländer. Radikale Globalisierungsgegener fordern sogar die Abschaffung beider Institutionen.
Ähnlich gehen die Globalisierungsgegner mit der Welthandelsorganisation WTO ins Gericht: Diese liberalisiere den Welthandel nur deshalb, damit Unternehmen aus dem reichen Norden sich leichter die Märkte des Südens erschliessen können.
IWF und WB haben in der Vergangenheit grosse Fehler gemacht und der Einfluss der USA auf Entscheidungen ist nicht zu übersehen. Zudem ist die Gestalt und Arbeitsweise der beiden Institutionen geprägt von der Nachkriegszeit, die heutige Welt hat mit der Welt von 1948 nicht mehr viel gemeinsam. Doch in beiden Institutionen sind seit einigen Jahren vielversprechende Reformen im Gange. Auch wenn ihre Gegner es anders sehen: IWF und WB sind wesentliche und unverzichtbare Bausteine des globalen Dorfes. Den IWF abzuschaffen hiesse, auf einen Ordnungsrahmen fuer internationale Finanztransaktionen zu verzichten. Und ohne die Hilfe der Weltbank haben die meisten Entwicklungsländer keine Chance, in absehbarer Zeit Partner im Welthandel zu werden.
Als Advokat der nachhaltigen Entwicklung kann nur die Weltbank auftreten. Wirtschaftet die Regierung in die eigene Tasche, hat die Weltbank die Macht, eine Politik zu Gunsten der Schwächeren einzuklagen. Das gleiche betrifft Unternehmen, die in anderen Ländern investieren und nicht in erster Linie an das Wohl der Bevölkerung und der Umwelt denken.
Die Wurzel allen Übels sehen die Globalisierungsgegner in den so genannten Strukturanpassungsprogrammen, in denen der IWF die Bedingungen zusammenfasst, die er an die Kreditvergabe knüpft. Eine demokratisch nicht legitimierte Institution mischt sich in die Belange von Staaten ein, wettern die Gegner. Dabei sind die Bedingungen für sich genommen eine Selbstverständlichkeit. Der Fonds will sichergehen, dass er sein Geld nicht nicht in ein Fass ohne Boden steckt. Abgesehen davon, will der IWF sein Geld nicht verschenken: Die Strukturanpassung soll der Genesung von Volkswirtschaften dienen – und so die Chancen erhöhen, dass das Gläubigerland seine Schulden eines Tages begleichen kann.
Auch die WTO mit ihren mehr als 140 Mitgliedsländern steht im Kreuzfeuer der internationalen Globalisierungskritik. Hauptkritikpunkt ist der Strukturwandel, der oftmals mit der Öffnung der Märkte einhergeht. Dabei ist es gerade dieser Wandel, der Ländern die Möglichkeit gibt, ihre komparativen Kostenvorteile auszunutzen – den Umstand, dass sie bestimmte Güter günstiger produzieren können als andere. Von dem so verdienten Geld können sie wiederum Güter kaufen, die sich anderswo besser produzieren lassen. Für die internationale Arbeitsteilung bedeuete dies, dass sich Länder mit niedrigen Arbeitskosten auf arbeistintensive Fertigungen verlegen, solche mit hohen Arbeits – und niedrigen Kapitalkosten auf kapitalintensive. Was spricht dagegen, Fertigungen zunächst in Entwicklungsländer zu verlagern, die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen bis auf weiteres in der entwickelten Welt zu belassen? In der Konsequenz gibt es neue Beschäftigung in den Entwicklungsländern zu tendenziell steigenden Löhnen. Und mit steigendem Wohlstand bessern sich auch Bildungsstandard, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur.
Die WTO ist der Motor der Globalisierung. Sie stösst solche Entwicklungen erst an, und sie ist gerade kein Instrument der Mächtigen, um die Armen zu unterdrücken. Im Gegenteil: Geschickt ausgenutzt, ist die WTO ein Instrument der Entwicklungsländer, ihre Position in der Weltwirtschaft zu verbessern. Und der freie Handel ist und bleibt die beste Form der Hilfe zur Selbsthilfe – wenn er die betreffenden Länder nicht überfällt.
IWF, Weltbank und WTO haben die Globalisierung vorangetrieben und sie sind mächtig. Doch diese Organisationen sind nur wenig älter als die jüngsten Globalisierungsschübe – und sie stehen erst am Anfang. Wer sie schlicht verdammt, macht sich die Sache zu leicht. Eine Globalisierung, die langfristig alle Staaten der Welt einbeziehen soll, wird ohne die Stabilität des IWF, die Hilfe der Weltbank und die Regeln der WTO nicht auskommen.
Irrtum Nr. 3: Der freie Welthandel dient nur der Ausbeutung der Entwicklungsländer
Für jeden Dollar, der in die Entwicklungshilfe fliesst, so schimpfen Globalisierungskritiker, werden den armen Ländern durch unfairen Handel zwei Dollar wieder abgenommen. Bei dieser Sichtweise werden die Chancen übersehen, die diesen Ländern aus dem freien Welthandel entstehen. Wäre der Aussenhandel, wie vielfach behauptet, tatsächlich die neue Einflugschneise imperialistischer Ausbeuter, dann müssten sich die Lebensbedingungen in den Entwicklungsländern im Laufe der letzten Jahrzehnte unterschiedslos verschlechtert haben. Doch das trifft nicht zu: der Anteil derjenigen, die unter der Ein-Dollar-Armutsgrenze leben, sank seit Mitte der 80er Jahre von 22 auf 18 Prozent. Auch eine Reihe wichtiger Entwicklungsindikatoren wie Lebenserwartung und Analphabetenquote lassen den Schluss zu, dass sich die Lebensqualität in den Entwicklungsländern in den vergangenen Jahren in wichtigen Bereichen verbessert hat. Gleichzeitig konnte die sogenannte Dritte Welt ihren Anteil am Welthandel in den vergangenen Jahren kontinuierlich steigern. Und in den Ländern, die ihren Aussenhandel am stärksten ausgeweitet haben, ist die Wirtschaft weit überdurchschnittlich gewachsen. Das bringt manches Argument ins Wanken: Handel und Globalisierung ermöglichen vielen Entwicklungsländern erst jenen Wohlstand, den Kritiker durch die Globalisierung bedroht sehen.
Grund zur Euphorie gibt es trotzdem nicht. Dies betrifft vor allem die Löhne in den Entwicklungsländern. Verglichen mit den USA, Westeuropa und Japan liegen die Reallöhne in einigen Ländern der Dritten Welt um bis zu 70-mal niedriger. Aus Sicht der Globalisierungskritiker sind es die Unternehmen des Nordens, die immer weiter auf die Löhne drücken: Sie spielen Entwicklungsländer gegeinander aus und treiben sie so in einen unseeligen Wettbewerb um die schlechtesten Arbeitsbedingungen. Niedrige Arbeitslöhne lassen sich jedoch auch anders einordnen – als Wettbewerbsvorteil innerhalb der internationalen Arbeitsteilung. Ein funktionierender Welthandel setzt voraus, dass die beteiligten Länder ihre Wettbewerbsvorteile ausspielen können. Im Falle der Entwicklungsländer bestehen diese Vorteile im relative Reichtum an einfachen günstigen Arbeitsplätzen. Zwar mögen die Löhne im Vergleich etwa zum europäischen Niveau „ausbeuterisch“ niedrig sein, doch für diejenigen, die einen solchen Job annehmen, bessert sich das Leben. Eine Arbeit gegen festen Lohn verringert Unsicherheiten, hebt den Lebensstandard und gibt nachfolgenden Generationen grössere Chancen, sie erlaubt oftmals erst die demokratische Mitsprache und den Aufbau von Gewerkschaften, was wiederum vor schlechten Arbeitsbedingungen schützen kann – und so fort. Diese Entwicklungen sind nicht zwingend – doch in der öffentlichen Diskussion werden sie gerne unterschlagen.
Der freie Welthandel, den viele Globalisierungsgegner für die Wurzel allen Übels halten, ist weder der Grund für die Armut in der Dritten Welt, noch ist er ein Vehikel der Blutsaugerei, mit dem sich die reichen Länder Zugang zu den armen verschaffen. Die Armut in der Dritten Welt hat andere Gründe: Bevölkerungswachstum auf der einen Seite und Epidemien auf der anderen, marode Industrien und Mangel an Handel, Kriege und Unsicherheit, Misswirtschaft und Korruption. Die entwickelte Welt ist sicherlich alles andere als unschuldig an dieser Armut – doch mit einer konsequenten Liberalisierung des Welthandels könnte sie den Entwicklungsländern entscheidend helfen.
Ein Selbstläufer ist die Liberalisierung aber nicht. Damit sie die Entwicklungsländer stärkt und den Aufbau einer autonomen Wirtschaft fordert, braucht es einen verlässlichen, multilateral abgestimmten Ordnungsrahmen. Bei den am wenigsten entwickelten Ländern müssen Liberalisierung und vermehrte Globalisierung von maßgeschneiderten Entwicklungsstrategien begleitet sein. Dies setzt Demokratisierung, ein funktionierendes Rechtssystem und die Bekämpfung der Korruption voraus. Und sie hilft mit, dies überhaupt erst durchzusetzen.


Irrtum Nr. 4: Die Globalisierung vernichtet unsere Arbeitsplätze
Globalisierung bedeutet für viele Arbeitnehmer in den Industriestaaten vor allem eins: Unsicherheit. Ihre Angst: jede weitere Liberalisierung, jeder gefallene Zoll, jede abgeschaffte Exportgarantie verschärfe den Wettbewerb auf dem Weltmarkt, senke die Weltmarktptreise und gehe damit zu Lasten von Standorten mit hohen Löhnen.
Aber die Wanderung von Arbeitspätzen - wie auch die von Kapital - ist nichts anderes als eine längst überfällige Anpassung. Arbeit, Kapital und Wissen, die drei entscheidenden Produktionsfaktoren, sind weltweit ungleich verteilt, und damit auch unterschiedlich teuer. In einer sich öffnenden Welt können die verschiedenen Regionen immer besser ihre jeweiligen Vorteile einbringen. Chancen für neue Beschäftigung tun sich auf - allerorts.
Das Beispiel des US-Stahlzolls zeigt, dass der Versuch, die Stahlproduktion vor ausländischer Konkurrenz schützen zu wollen, letztendlich Arbeitsplätze kostet anstatt sie zu schützen. Durch die Einführung verteuerte sich der Stahl und somit auch die Herstellungskosten von Maschinen, Kühlschränken, Autos, Schiffen, Flugzeugen, indirekt auch für Transport. In diesen hart umkämpften Märkten sind Preiserhöhungen ausgeschlossen, somit mussten die Personalkosten sinken, Arbeiter entlassen werden. Handelspartner führten „Vergeltungszölle“ für amerikanische Produkte ein und Vergeltung ruft meist nach neuer Vergeltung – um die eigene Stahlindustrie zu schützen, wurde der Erfolg von anderen Wirtschaftszweigen riskiert. Und über höhere Preise zahlen die Bürger den Zoll indirekt mit.
In diesem komplexen System gegenseitiger Handelsbeziehungen zieht jede Begrenzung eine andere nach sich. Der kurzsichtige Protektionismus ist populär – und zynisch. Immer werden andere Arbeitnehmer die Folgen tragen. Aber das geschieht meist unsichtbar.
Im Kern stecken hinter jedem Strukturwandel, den die Industrieländer seit der Entdeckung Amerikas erlebten, internationaler Handel und technischer Fortschritt. Also letztlich auch immer eine Art Globalisierung. Wandel ist nicht, wie so oft propagiert wird, gleich Verlust. Er ist immer auch eine Herausforderung, sich in einer veränderten Welt zurechzufinden. Ohne internationalen Wettbewerb fehlt der äußere Druck zur Innovation – die Globalisierung verleiht dem Handel eine Dynamik, die es noch nie gegeben hat. Aber gerade diese Rasanz gesellschaftlicher Veränderungen ist es, die Kritik an der Veränderung weckt.
Das GATS-Abkommen soll künftig als zweite Säule des Welthandels neben dem GATT-Abkommen stehen, dass die schrittweise Verminderung der Zölle auf Güter regelt. Zweifellos wird GATS zu einem härteren Wettbewerb, zu größerer Arbeitsplatzunsicherheit und möglicherweise auch zu fallenden Löhnen führen. Dass es aber Arbeitsplätze kosten wird, ist unwahrscheinlich. Denn im wesentlichen geschieht nichts anderes als bei der Liberalisierung des Güterhandels – nur ist der Effekt auf den Einzelnen noch sichtbarer. Der wachsende Wettbewerb bei Dienstleistungen wird also zu einem wachsenden Angebot bei sinkenden Preisen führen. Und damit letztlich auch zu neuen Jobs.
Allerdings dürfen sich die Staaten nicht das Recht nehmen lassen, die Daseinsvorsorge für ihre Bürger verbindlich zu regeln – damit in den Bereichen, die nur mit öffentlichen Zuschüssen funktionieren, nicht Leistungen gestrichen werden, auf die die Gesellschaft nicht verzichten kann und will. Wasserver- und entsorgung, Müllabfuhr, Theater und Universitäten können, wenn überhaupt, nur bedingt im Wettbewerb bestehen. Nötig sind allgemeine Regeln für deren Betrieb, damit die Liberalisierung nicht zum Abbau wesentlicher Leistungen führt.
Sicher ist: die Arbeit wird der entwickelten Welt nicht ausgehen, sie sieht nur anders aus. Honorardienstleitungen, freie Tätigkeiten, das Nebeneinander verschiedener Arbeitgeber kennzeichnen die Beschäftigungswelt von morgen. Die immer neue Qualifizierung von Arbeitnehmern wird zum wichtigsten Schutz vor Arbeitslosigkeit. Sozialsysteme werden sich noch stärker auf Änderungen einstellen müssen, die nicht zuletzt der Globalisierungsprozess ihnen abverlangt. Diese Prozesse helfen, im Wettbewerb der Systeme und Ideen bessere Strukturen zu finden. Davon können langfristig alle profitieren.

Irrtum Nr. 5: Verbraucherschutz und Arbeitnehmerrechte bleiben am Weltmarkt auf der Strecke
Strenge Standards, so sehen es viele Kritiker, sind die Opfer der Globalisierung. Entweder gibt man sie auf – wie viele Qualitätsstandards im Zuge internationaler Übereinkommen. Oder sie fallen dem weltweiten Standortwettbewerb zum Opfer. Weil Länder mit niedrigen Umwelt- oder Sozialstandards oft für ausländische Direktinvestitionen attraktiver sind als „überregulierte“ Hochlohnländer, so klagen die Globalisierungsgegner, steuere die Welt nun kontinuierlich den kleinsten gemeinsamen Nenner an. Lasche Umweltschutzvorschriften, ungebremste Ausbeutung von Arbeitnehmern, Verbraucherschutz, der den Namen nicht wert ist – so sehen Kritiker die Folgen des internationalen Standortwettbewerbs.
Gerade in Zeiten der Globalisierung, in denen der Wandel scheinbar kaum zu bremsen ist, beweisen Gesellschaften grosses Beharrungsvermögen. Jede Änderung wir schnell als Dammbruch empfunden, der die gewohnte Welt umkrempelt. Die Frage, ob ein strenger Standard auch ein sinnvoller ist, tritt dahinter vollkommen zurück. Hinzu kommt, dass der heftige Widerstand von Unternehmensvetretern oder Gewerkschaften oftmals zu einer zusätzlichen Überbetonung der Folgen führt. Der Verlust von Normen kann schmerzen, doch im Grunde hilft er allen. Einigen sich die Staaten auf gemeinsame Regeln, erleichtert das den Handel und eröffnet neue Exportchancen. Das schafft neue Arbeitsplätze und nimmt denjenigen den Wind aus den Segeln, die eben noch mit strengen Normen ihren Markt beschützen wollten. Gleichzeitig fallen die Güterpreise im Wettbewerb erheblich.
Wollen die Konsumenten auf Gewohntes nicht verzichten, werden sie auch bereit sein, einen höheren Preis zu zahlen. Mit strengen Vorschriften muss man Konsumenten nicht schützen: Über Qualität urteilen sie selbst.
Wesentlich komplizierter sieht die Sache aus, wenn sich Schutzvorschriften nicht mehr mit Produkten befassen, sondern mit Produktionen. Denn im internationalen Standortwettbewerb geht es nicht nur um die Erschliessung neuer Märkte, sondern auch um die Suche nach den günstigsten Herstellungsbedingungen. Der internationale Standortwettbewerb, so klagen Umweltschützer, Menschenrechtler und Gewerkschafter, schraubt Öko- und Sozialstandards immer weiter nach unten. Die Kritik ist berechtigt. Im Wettlauf um die begehrten ausländischen Direktinvestitionen ist das günstige Investitionsklima entscheidend. Aber so zynisch es klingt: In der Unterbietung hoher Anforderungen liegen für Entwicklungsländer einige der wenigen Chancen, in den internationalen Wettbewerb einzusteigen. Sie hätten kaum Möglichkeiten, in der Wertschöpfungskette vom Rohstoff bis zum Endprodukt zusätzliche Veredelungsstufen aufzubauen, um ein Wirtschaftswachstum aus eigener Kraft anzustossen. Kurz: sich zu entwickeln.
Werden strikte Arbeitsstandards in Handelsverträge aufgenommen, ist das letztlich nur ein neues Instrument der Verdrängung unliebsamer Konkurrenz – und benachteiligt ausgerechnet die Länder, die am dringendsten darauf angewiesen sind, stärker in den Welthandel integriert zu werden. Die Forderung nach strengeren Arbeitsstandards ist in der Lobbyarbeit praktisch, denn sie lässt sich gut in den Deckmantel des Sozialen kleiden. Dies zeigt, wie gefährlich eine missverstandene Anti-Globalisierungshaltung sein kann, die angeblich den Entwicklungsländern helfen soll, ihnen aber in Wirklichkeit schadet. Nicht umsonst sind die Entwicklungsländer gegen die Festschreibung von Sozialstandards in völkerrechtlich verbindlichen Verträgen, etwa in denen der WTO. Sie fürchten einen neuen Protektionismus der Industrieländer. Doch nicht politisch beschlossene Zwangsmaßnahmen, sondern eine behutsame wirtschaftliche Entwicklung hilft bei der Errichtung besserer Arbeitsbedingungen in Entwicklungsländern.
Immer wieder fordern gerade Globalisierungskritiker die hohen Standards für Entwicklungsländer ein. Doch letztlich machen sie sich damit einer neuen Art Imperialismus verdächtig. Müsste sich die Dritte Welt an das hohe Sozialniveau der Industrieländer anpassen – es wäre tödlich für sie. Die Entwicklungsländer zu höheren Sozialstandards zu motivieren ist, wenn überhaupt, die Aufgabe der Verbraucher in den reichen Länder; und nicht die konkurrenzscheuer Unternehmer oder Gewerkschaften, die am Ende doch nur den eigenen Vorteil suchen.
Der Verbraucherschutz wird auf freien Weltmärkten genauso Bestand haben wie in einer autarken Welt, in der jeder Staat nur für sich selbst sorgt. Sinnvolle Standards werden die Globalisierung überleben, unsinnige nicht. Die Rolle der Verbraucher wird in dieser Welt immer stärker, nicht schwächer. Die Arbeit derer, die Konsumenten aufklären, wird vor diesem Hintergrund immer bedeutender werden. Entscheiden sich die Verbraucher vermehrt für Produkte, die bestimmten Mindestanforderungen genügen, steigt auch der Druck auf die Hersteller, diese einzuhalten. Die Globalisierung zerstört nicht das Gute – sie weckt vielmehr eine neue und notwendige Diskussion darüber, was gut ist und was nicht.
Irrtum Nr. 6: Der Vormarsch internationaler Konzerne in die dritte Welt schafft nur Armut, Kinderarbeit und Sozialdumping
Unternehmen haben ihre Herstellung dorthin ausgelagert, wo sie billiger produzieren können. Insbesondere arbeitsintensivere Produktionsschritte sind so mittlerweile in Entwicklungsländer abgewandert. Wie Kraken, so die Globalisierungsgegner, breiten sich die multinationalen Konzerne in der ganzen Welt aus und es kümmere sie wenig, ob dabei fundamentale Arbeitsrechte verletzt, die Umwelt zerstört oder Kinder um ihre Kindheit gebracht werden. Sie sind Kolosse ohne Heimat, ohne grosse Mühe wechseln sie die Standorte und können von Land zu Land unterschiedliche Rahmenbedingungen zu ihrem Vorteil ausnutzen.
Doch schon ihres intenationalen Rufes wegen stehen viele weltweit agierende Unternehmen mittlerweile für ein Mehr an Rechten, nicht für ein Weniger. Und ein wirtschaftlicher Aufstieg vieler Entwicklungsländer wäre ohne ein Engagement dieser Konzerne gar nicht denkbar. Zwar lässt sich nicht leugnen, dass die Attraktivität vieler Länder der dritten Welt durch eine brisante Mischung von Standortfaktoren interessant geworden ist (billige Arbeitskräfte, fehlender Arbeits- und Kündigungsschutz, Korruption), doch noch wichtiger sind für viele die Erschliessung neuer Märkte. Die Grösse der Märkte und damit das zusätzliche potentielle Umsatzpotential vor Ort locken – in diesem Falle setzen die Unternehmen auf Entwicklung und eine Kaufkraft, die auf lange Sicht nicht aus Hungerlöhnen gespeist werden kann.
Zusammen mit ihren modernen Produktionsstätten exportieren ausländische Konzerne auch westliche Vorstellungen von guten Arbeitsbedingungen in die dritte Welt. Bei ihren Zulieferern üben sie Druck aus, deren Arbeitsbedingungen zu verbessern. Ihre Präsenz steigert die Bezahlung der einheimischen Arbeiter und auf Dauer die Arbeitsbedingungen für breite Schichten. Da die Entwicklungsländer die ausländischen Investoren als Chance auf zusätzlichen Export und Wachstum sehen, lehnen sie vehement verbindliche Sozial- und Umweltstandards ab, die ihnen ihren Standortvorteil rauben würde.
International vernetzte Menschenrechtsgruppen, Umweltschützer, Oppositionspolitiker und Gewerkschafter organisieren blitzschnell (globale) Demonstrationen und Protestaktionen, die beispielsweise Shell nach seiner Unterstützung einer korrupten Regierung in Nigeria und letztendlich der Hinrichtung Ken Saro-Wiwas 1995 eine bittere Lehre und in aller Welt Boykotte von Shell-Tankstellen bescherten. Multinationale Konzerne arbeiten zunehmend an ihrem sozialen und ökologischen Ansehen – somit gibt ihnen die Globalisierung nicht die Möglichkeiten zur Ausbeutung, Unterdrückung und Umweltzerstörung, sie raubt sie ihnen. Viele Unternehmen unterwerfen sich freiwillig der zuletzt im Jahr 2000 neu gefassten Richtlinien der OECD, der die Kernarbeitsnormen der ILO umfasst, und im Juli 2000 wurde ein "Global Compact" zwischen 50 Ländern und 700 Unternehmen geschlossen – ein Wettlauf um das beste soziale Image hat begonnen. Eine neue Transparenz wird damit praktisch erzwungen: wenn sich die Unternehmen schon Selbstverpflichtungen auferlegen, müssen sie auch Einlick in die tatsächlichen Verältnisse geben. Gleichzeitig wächst der Druck auf Unternehmen, die bislang noch in der Deckung geblieben sind.
In den seltensten Fällen beschäftigen Multis Kinder (laut UNICEF 3% bei Multis und ihren Zulieferern), sondern örtliche Kleinunternehmen oder die eigene Familie, die zum Überleben immer noch auf die Arbeitskraft ihrer Kinder angewiesen sind. Kinderarbeit ist ein Armutsphänomen und der Wohlstandseffekt der Globalisierung trägt zu ihrer Eindämmung bei. Freilich beschäftigen immer noch zu viele Unternehmen Kinder - der Druck von einer zunehmend an ideellen Werten orientierten Verbraucherseite, die eher Produkte kaufen, die unter guten Arbeitsbedingungen enstanden sind und dafür auch gerne etwas mehr zahlen, kann dazu beitragen, diesen Prozess zu beschleunigen. Verbindliche Sozialklauseln wirken in der Regel kontraproduktiv, da sie an den Symptomen ansetzen, die eigentliche Problematik aber nicht beseitigen.

Irrtum Nr. 7: Der große Finanzcrash ist unabwendbar
Nicht die Globalisierung und die Liberalisierung der Finanzmärkte hatten Mitte 1997 Südostasien an den Rand des Abgrundes getrieben, sondern die strenge Dollarbindung des Baht und vor allem der schlecht organisierte Kapitalmarkt und der extreme Zustrom ausländischen Kapitals (1996: 95 Mill. US-$, 1997: –12 Mill. US-$), der laxe Kreditvergabe und damit das Aufblasen einer unkontrollierbaren Spekulationsblase verursachte. Auch das blinde Vertrauen auf ausgleichende Beistandskredite im Krisenfall des IWF begünstigte den nahezu unbegrenzten ausländischen Kapitalzustrom. Gerade die Globalisierung verhinderte im Zuge der Asienkrise eine Weltkonjunkturkrise, da die US-Wirtschaft die Nachfrageausfälle in Asien mit einer starken Binnennachfrage ausglich.
Kritiker bemängeln, dass der weitaus grösste Teil der heutigen Devisenströme spekulationsgetrieben sei, also kurzfristige Transaktionen, die dem Finanzmarkt Stabilität und Verlässlichkeit entziehen. Durch eine Spekulationssteuer von 0,1-1%, die 1972 vom Wirtschaftsnobelpreisträger James Tobin vorgeschlagen wurde, würde die Frequenz und das Volumen der Devisentransaktionen sinken und so verheerende Finanzkrisen verhindert werden. Ausserdem könnten die zusätzlichen Einnahmen für Entwicklungshilfe genutzt werden.
Bei näherer Betrachtung allerdings wirkt der Devisenhandel eher stabilisierend auf Märkte und gleicht Marktschwankungen aus – 80% aller Transaktionen dienen der Absicherung von Geschäften. Genauso wenig würde die Tobin-Steuer Finanzkrisen verhindern, denn bei Wechselkursverlusten bis zu 50% (wie in der Asienkrise) übt eine Steuer in Höhe von 1% keinerlei abschreckende Wirkung aus. Zudem verzerrt sie die Effizienz der Märkte, da sie einen Keil zwischen in- und ausländische Investitionen treibt. Ausserdem wehren sich die meisten Politiker, allen voran die USA, gegen die Steuer.
Die behutsame Öffnung der Finanzmärkte muss in Entwicklungsländern mit einer raschen Öffnung der Gütermärkte für den internationalen Handel einhergehen. Denn einerseits müssen Entwicklungsländer so lange ihre Finanzmärkte steuern, bis ein funktionierendes Banken- und Kreditwesen aufgebaut ist, um das Land vor Krisen zu schützen und andererseits kann der Wachstumsprozess nur mit einer stärkeren Eigenkapitalbildung finanziert werden, was international agierende Unternehmen voraussetzt, die ihre Gewinne reinvestieren können. Wer also von Entwicklungsländern die rasche Öffnung ihrer Märkte fordert, der muss darauf verzichten, die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft durch Subventionen künstlich zu steigern.
Die Asienkrise hat Einsichten gefordert und während die Interventionen des IWF in Thailand erfolglos blieben, verfügt das internationale Finanzsystem heute über erstaunlich viele internationale Schutzmechanismen, die verhindern, dass Unfälle zu weltumspannenden Massenkarambolagen führen. Auch der IWF hat aus seinen Fehlern gelernt und die Asienkrise hat Initiativen zu einer Weiterentwicklung der Weltfinanzordnung bewirkt, die deren Anfälligkeit für Krisen mindert. Die Asienkrise hat gezeigt, dass gerade die Globalisierung Kompensationschancen in Krisenzeiten ermöglicht.

Irrtum Nr. 8: Der globale Standortwettbewerb zerstört die Umwelt
Aus der Sicht der Kritiker steht die Internationalisierung der Märkte für ein weltweites Wirtschaftswachstum und einen steigenden Verbrauch natürlicher Ressourcen. Der Wettbewerb um natürliche Ressourcen führe zwangsläufig zu deren Ausrottung. Marktgesetze würden zur bestimmenden politischen Formel auf dem Globus. Der globale Standortwettbewerb führe zu einer Abwärtsspirale im Umweltschutz.
Aber der natürliche Feind der Umwelt heisst nicht Globalisierung, sondern Armut. "Armut ist das schärfste Gift für die Umwelt" stellte schon Indira Ghandi fest. Landlose Bauern roden jahrhundertealte Wälder, weil ihnen alternative Einnahmequellen fehlten. Positive Effekte der Globalisierung sind z.B. ein Hilfsprogramm von Industrienationen für den brasilianischen Regenwald (1992: 350 Mill. $) – würde dieser zerstört, hätte das auch Auswirkungen auf die fernen Industrienationen des Nordens. Den Gesundheitszustand des blauen Planeten können der reiche Norden und der arme Süden nur gemeinsam verbessern.
Dabei ist eigentlich längst klar, was zu tun ist: Nachhaltigkeit ist mittlerweile der Sammelbegriff für den richtigen Umgang mit der Natur – ein Begriff, der keinen Widerspruch duldet. Die 1983 von dem Sekreteriat der Vereinten Nationen eingesetzte Komission "Umwelt und Entwicklung" fomulierte 4 Jahre später ihre Kernthese: "Nachhaltigkeit ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der gegenwärtigen Generation deckt, ohne die Möglichkeiten der zukünftigen Generationen zu beeinflussen."
Wirtschaftliches Wachstum ist für einen nachhaltigen Umweltschutz unerlässlich, weil erst ein höherer Lebensstandard in der Bevölkerung das Verständnis für die Probleme des globalen Umweltschutzes steigert. Ab einem Einkommen von 8.000 $ (etwa in Costa Rica, Chile, Polen), so fanden Ökonomen heraus, beginnt das Bedürfnis nach Umweltschutz in allen Bereichen und die Umweltstandards werden mit steigendem Einkommen strenger. Wirtschaftliches Wachstum hat also – entgegen der These von Globalisierungsgegnern – durchaus positive Effekte auf die Umwelt.
Als wichtigste Voraussetzung dafür, dass das Ökosystem des Globus nicht ernsthaft in Gefahr gerät, gilt die Stabilisierung der Weltbevölkerung. Die Vereinten Nationen weisen darauf hin, dass die Weltbevölkerung sich auf humane Weise nur stabilisieren lässt, wenn der materielle Lebensstandard in den Ländern der dritten Welt erheblich steigt. Bis zum Ende dieses Jahrhunderts werde das Bevölkerungswachstum nach Schätzungen der Weltbank durch steigende Lebensstandards bei rund zehn Milliarden Menschen Halt machen. Ein stabilisierender Faktor: die Globalisierung.
Da sich Einsparungen von Industrieunternehmen bei dem Standortwechsel in Entwicklungsländer in erster Linie aus der Entlohnung ergeben und sie in Industrienationen nur 1% für die Senkung von Schadstoffemissionen ausgeben, greift auch die These der Globalisierungsgegner zu kurz, dass der internationale Handel zum Export von Umweltverschmutzung aus reichen in arme Länder führt. Nur 5% der Direktinvestitionen in arme Länder flossen in verschmutzungsintensive Industrien, in reichen Ländern sind es hingegen 24%. Demokratische Regierungssysteme machen es wahrscheinlich, dass Umweltvorschriften zum Wohle der Bevölkerung ausgelegt und überwacht werden. Demokratisierungsprozesse werden häufig durch die Globalisierung angestossen.
Der Umweltschutz, der auf Verboten basiert, hat in weiten Teilen der Welt ausgedient und die Einsicht hat sich durchgesetzt: Zahlen sich Naturressourcen nicht in barer Münze aus, gehen sie vor die Hunde. Ein gutes Beispiel sind globale Quoten- und Zertifikatsysteme. Sie ermöglichen effiziente Lösungen nach Marktgesichtspunkten und ermöglichen dem Staat zudem eine umfassende Überwachung.
Der Markt kommt im Rahmen von Gesetzen und Vorschriften zu einer effizienten Lösung, und existieren falsche Rahmenbedingungen, so optimiert der Markt negative Ergebnisse. Um zu verhindern, dass Gütertransporte mit zweifelhafter Notwendigkeit die Umwelt belasten, müssen entsprechende Rahmenbedingungen ihnen einen Riegel vorschieben. Dem Bemühen, die Kosten der Umweltverschmutzung in die Preise von Gütern zu integrieren, wird eine immer höhere Bedeutung zukommen. Damit das Umwelthaftungsrecht effizient Wirkung entfalten kann, muss die sogenannte Gefährdungshaftung (grundsätzliche Haftung im Falle eines Schadens) an die Stelle der derzeit gültigen Verschuldungshaftung treten (nur Haftung bei fahrlässigem Verhalten). Die zunehmende Vernetzung der Staaten und deren wachsende wechselseitige Abhängigkeit hilft, globale Vereinbarungen durchzusetzen.
Ökonomie und Ökologie brauchen einander: ohne adäquaten Umweltschutz werden die Fundamente künftigen Wachstums zerstört. Und ohne Wirtschaftswachstum ist Umweltschutz nicht zu leisten.

Irrtum Nr. 9: Globale Marken bedrohen kulturelle Vielfalt und Werte
Globalisierungsgegner sehen die kulturelle Vielfalt in einer Welt bedroht, in der sich nationale Identitäten in einer Konsumgesellschaft nach amerikanischem Muster in nichts auflösen. Standardisierte Produktpaletten und eine allgegenwärtige Pseudokultur in Gestalt von Marken ließen keinen Raum mehr für die Kultur jenseits wirtschaftlicher Interessen. Waren würden durch Marken zu Kulturgütern, Kulturgüter über ihre Instrumentalisierung durch Unternehmen zu Marken. Die Multis selber tragen den Anspruch offen vor sich her, mit ihren Logos auch Werte zu transportieren. Nicht mehr nur auf Produkte sollen die Embleme hinweisen, sondern auch auf ihre Verheissungen (Coolness, Individualität, Exotik, etc.).
Die Sorge um eine Vereinheitlichung von Kulturen basiert auf einem Verständnis nach dem diese weitgehend in sich abgeschlossene Gebilde sind. Tatsächlich aber sind Kulturen ohne prägende Einflüsse von aussen gar nicht denkbar, sie entstehen immer aus der Begegnung und dem Austausch mit anderen Kulturen, dem gegenseitigen Aufnehmen und Abgrenzen. Es gibt Wettbewerb und Vergleich, es wird umgewandelt und uminterpretiert, zerlegt und neu zusammengesetzt. Ausgerechnet die Globalisierungsbewegung selbst gilt als Indiz für eine längst bestehende Art von Weltkultur.
Gerade Globalisierungsgegner treten in der Regel für Multikulturalismus und für die Toleranz gegenüber anderen Kulturen ein. Mit welcher Begründung liesse sich das, was im eigenen Land als Bereicherung vestanden wird, den Völkern in Entwicklungsländern vorenthalten?
Nationale Identität wird durch einen kulturellen Austausch nicht eliminiert, vielmehr werden die Bindungen an einheitliche, über nationale oder regionale Gemeinschaften definierte Wertesysteme und Lebensformen gelockert. Homogenisierung und Grenzsetzung, Konflikt, Ausdifferenzierung und kulturelle Vermischung sind keine einander ausschliessenden Entwicklungen, sondern bedingen sich gegenseitig. Menschen gehen mit Fremdeinflüssen auf vielfältige Weise um: sie wehren sie ab oder sie verwandeln sie in einer Art und Weise, die kompatibel mit ihren eigenen Bedürfnissen, Erfahrungen und Wertvorstellungen ist.
Ausgerechnet die Globalisierung führt zu einer Rückbesinnung auf regionale Besonderheiten. Denn während Raum und Zeit durch die Vernetzung der Welt an Relevanz verlieren, wird das Bedürfnis nach lokalen Wurzeln und einer regionalen Identität immer wichtiger. Mit der Wortschöpfung "Glokalisierung" (Globalisierung+Lokalisierung) hat das Phänomen bereits Einzug in die Regionalwissenschaft gefunden.
Ein Kulturgut erobert tatsächlich mit schnellen Schritten den Weltmarkt und gerade das widerlegt die These von der Vereinheitlichung der Kulturen: die englische Sprache. Ihre Verbreitung dient einem wachsenden Teil der Bevölkerung nur der Verständigung, ohne dabei irgendjemandem zu schaden. Im vielstimmigen Europa wird sie zum verbindenen Element, sie tritt aber immer neben die Landessprache und verdrängt sie nicht.
Gegen kulturelle Monopole spricht auch, dass das Internet von Medien-Unternehmen kontrollierte Informationsmonopole aufbricht. Damit entsteht eine völlig neue, globale Kulturplattform, die für neue Freiheiten sorgt.
Nach Schätzungen von Marketingexperten enden 4 von 5 Versuchen, neue oder verbesserte Produkte einzuführen, mit einem Flop – nicht gerade ein Beleg für die Macht der großen Produzenten über die Verbraucher. Wenn Produkte weltweit angenommen werden, lässt sich für solche Homogenisierungstendenzen nicht die "Coca-Colonisierung" verantwortlich machen. Die Ursachen liegen vielmehr darin, dass die Präferenzen der Menschen in einigen Bereichen wohl doch nicht so verschieden sind.
Multis können Katalysatoren von Kultur sein, selbst erschaffen können sie sie nicht. Noch immer entwickeln sich kulturelle Trends jenseits von Effizienz, Konkurrenz, Rentabilität und Wachstum. Die Globalisierung bietet eine Chance für friedliche Koexistenz und den Austausch unterschiedlicher Kulturen, die in der Geschichte ihresgleichen sucht.


Irrtum Nr. 10: Die Globalisierung lässt sich nicht steuern
Mit dem Fortschreiten der Globalisierung verbinden viele Menschen die Angst, etwas zu verlieren: Heimat, Identität, Arbeitsplätze, Einfluss auf die Politik, etc. Warum gilt Globalisierung - obwohl sie schon Alltag ist und der Umgang mit ihr Gewohnheit - immer noch als bedrohliche Kraft? Viele Berichte über die Macht der Unternehmen und die Ohnmacht der Politik haben den Glauben an einen völlig unkontrollierbaren Prozess genährt. Dabei wird oft übersehen, dass eine zunehmende Öffnung und Integration weltweiter Märkte die Möglichkeit bietet, die Globalisierung so zu steuern, dass sie den grösstmöglichen Nutzen für die grösstmögliche Zahl von Menschen bringt.
Die Globalisierung ist kein Selbstläufer. Die verstärkte Integration ist angewiesen auf die Zustimmung der Menschen und die Unterstützung der Politik. Wie stark sich Nationen heute in den Welthandel integrieren, entscheiden sie selbst. Vor allem kleine Länder, die nicht alle Produkte selbst herstellen können, nutzen die Chance, über den begrenzten Heimatmarkt hinaus neue Märkte zu erschliessen.
Um die Früchte der Globalisierung gleichmässiger zu verteilen, bedarf es umfassender Demokratisierungsprozesse, welche oft erst durch die Teilnahme am internationalen Handel und den dadurch steigenden Wohlstand ermöglicht werden. Folgende Maßnahmen sind notwendig, um den größtmöglichen Nutzen aus der Globalisierung ziehen zu können:
• Die Märkte des Nordens öffnen: den positiven Effekt der Entwicklungshilfe heben die Handelsbarrieren des reichen Nordens, die nur wenig nützen, aber viel kosten (jährlich 350 Mill. $), fast vollständig auf. Meint es die erste Welt ernst mit dem globalen Handel, muss sie ihre Märkte stärker als bisher auch der Konkurrenz aus der dritten Welt öffnen.
• Demokratie durch Handel fördern: mangelnde Demokratie, Korruption und unsichere Rechtssysteme sind die wichtigsten Hindernisse für verstärkte ausländischer Direktinvestitionen in die dritte Welt. IWF und Weltbank können einen Beitrag dazu leisten, müssen aber erst einmal selber demokratisiert werden. Sie abzuschaffen würde die Welt einer Strukutur berauben, die in Zukunft einen wichtigen Einfluss bei Demokratisierungsprozessen spielen kann.
• Akzeptanz schaffen: war die Globalisierung lange primär eine ökonomische Internationalisierung, muss nun verstärkt eine politische folgen. Als wichtigstes Fundament für eine stärkere Akzeptanz gilt die Einbindung nichtstaatlicher Akteure in das Regieren (Umwelt-, Entwicklungshilfe-, Menschenrechtsorganisationen und Gewerkschaften).
• Finanzsystem stabilisieren: um das Weltfinanzsystem zu stabilisieren, muss der IWF viel stärker als bislang ein vorausschauendes Krisenmanagement betreiben und sich bemühen, besser Eigenarten und spezifische Probleme zu berücksichtigen. Damit die ärmsten Länder nicht immer tiefer in die Schuldenfalle rutschen, muss es nach dem Vorbild des Privatrechtes künftig auch für Länder ein Insolvenzrecht geben.
• Entwicklungshilfe ausbauen: noch immer sind die Budgets der westlichen Welt für die Entwicklungshilfe beschämend gering (0,22% des BIP). Ein höherer Anteil ist nicht nur eine moralische Pflicht, sondern auch ein ökonomischer Imperativ,weil er wirtschaftliches Wachstum und Demokratisierungsprozesse unterstützt.
• Umweltschutz internationalisieren: um effektiver gegen globale Umweltprobleme vorgehen zu können, muss die Staatengemeinschaft ihre Umweltpolitik besser koordinieren. Zwar gibt es schon eine internationale Umweltbehörde (UNEP), die ist aber mit derart geringen finanziellen Mitteln und so schwachen Kompetenzen ausgestattet, dass sie ein Schattendasein fristet.
Die erste Welt darf den Entwicklungsländern ihre Löhne und Sozialstandards nicht aufzwingen, weil sie ihnen die Chance rauben würde, ihre Vorteile auszuspielen: den Einsatz von Boden und billiger Arbeitskraft. Wer die Armut, schlechte Arbeitsbedingungen und die Macht der Multis anprangert, muss erkennen, dass sich sein Protest nicht gegen die Globalisierung selbst, sondern gegen einen Mangel an Globalisierung richtet.
Die Globalisierung ist Realität, unveränderliches Schicksal ist sie jedoch nicht. Jeder einzelne hat die Wahl und er sollte sich für eine verstärkte Integration entscheiden. Der internationale Handel bringt mehr Wohlstand und Freiheit für viele Menschen. Die weltweite Konkurrenz verweist die Macht der Unternehmen in enge Schranken. Die Theorie des komparativen Kostenvorteils, nach welcher der internationale Handel stets den Wohlstand aller Beteiligten mehrt, wird tagtäglich zur Praxis. Die Globalisierung bereichert unser Leben, sie mischt Kulturen, Ideologien und Moden. Richtig gesteuert kann sie das Tor zu einer offenen, freien, wohlhabenderen und demokratischen Welt sein.